Smart Meter erfassen Strom in 15-Minuten-Auflösung. Was als Pflicht-Rollout der Bundesnetzagentur klingt, ist für Haushalte auch ein Datenschatz. Wer das eigene Lastprofil kennt, entscheidet datenbasiert über Speichergröße, dynamischen Tarif, Wärmepumpen-Lastverschiebung oder Wallbox-Lastmanagement. Drei Wege führen zur Auswertung: Anbieter-Portal, HAN-Modul, Open-Source-Stack. Stand: 28. Mai 2026.
Das Wichtigste in Kürze
- 15-Minuten-Werte sind der Standard im iMSys, an Messstellenbetreiber übermittelt, lokal über HAN-Schnittstelle abrufbar.
- Drei Auslese-Wege: Anbieter-Portal (einfach, oberflächlich), HAN-Modul (mittel, lokal), Open-Source-Stack (tief, technisch anspruchsvoll).
- HAN-Schnittstelle nach BSI TR-03109 ist Pflichtbestandteil jedes iMSys in DE.
- Standby-Lasten typisch 50–150 W Dauerverbrauch, das sind 500–1.300 kWh/Jahr ungenutzt.
- Open-Source-Stack (Home Assistant + EVCC) als Datenhoheits-Variante ohne Anbieter-Cloud.
- Empfohlen bei anstehender Entscheidung zu Speicher, Tarif oder Wärmepumpe.
- Stand: 28.05.2026, nächste Prüfung 28.11.2026.
Was 15-Minuten-Werte zeigen
Ein Lastprofil-Tag besteht aus 96 Datenpunkten. Diese zeigen vier Größen:

Grundlast (Stand-by-Verbrauch): die dauerhaft anliegende Leistung, typisch zwischen 50 und 200 Watt. Setzt sich aus Kühlschrank-Kompressor-Zyklen, Internet-Router, Set-Top-Box, Standby-Anschlüssen, Heizungs-Steuerung zusammen. Mehr-Personen-Haushalte landen oft bei 150–200 W.
Spitzen: kurze Lastspitzen durch Großgeräte. Wasserkocher 2.000 W, Geschirrspüler 2.500 W, Wäschetrockner 3.500 W, Wallbox 7.400 W. Diese Spitzen prägen die maximale Anschlussleistung.
Plateau: längere Mittel-Last-Phasen wie Beleuchtung 100–300 W, Wärmepumpe 1.000–2.500 W im Heiz-Lauf, Wallbox-Lade-Phase. Plateau-Verbrauch ist der wirtschaftlich relevanteste Bereich für dynamische Tarife.
Saison-Muster: Tagesgang Sommer (niedrige Heiz-Last, hohe Klimatisierung) vs. Winter (Wärmepumpe, längere Beleuchtung). Wer das Lastprofil zwei Wochen sammelt, sieht die Saison-Trends.
Ein Vier-Personen-Haushalt mit Standard-Verbrauch zeigt typisch zwei Lastspitzen (morgens 7–9 Uhr, abends 18–21 Uhr), eine Plateau-Phase mittags und Grundlast in der Nacht.
Drei Wege zum Auslesen
Weg 1, Anbieter-Portal: Ihr Stromlieferant zeigt im Online-Portal eine Verbrauchs-Übersicht. Bei den meisten Anbietern Tagesauflösung, bei modernen Anbietern (Tibber, aWATTar, einige Stadtwerke) bis zur 15-Minuten-Auflösung. Datenformat: PDF-Export oder CSV. Vorteil: kein technisches Setup. Nachteil: Daten kommen verzögert (typisch 1–3 Tage), Auflösung oft auf Tag oder Stunde reduziert.
Weg 2, HAN-Modul: Ein externes HAN-Schnittstellen-Modul (z. B. Tibber Pulse, Hager HAN-Kit, oder ein generisches HAN-Modul) liest die Daten direkt am iMSys-Gateway aus. Echtzeit-Werte, Cloud-Anbindung über Anbieter (Tibber-App o. ä.). Aufwand: Anschluss des Moduls (Plug-and-Play), 50–150 € Hardware-Kosten.
Weg 3, Open-Source-Stack: Home Assistant oder EVCC läuft auf einem Raspberry Pi, liest die HAN-Daten lokal aus, speichert sie in einer eigenen Datenbank, visualisiert sie in eigenen Dashboards. Vorteil: vollständige Datenhoheit, keine Cloud-Abhängigkeit, unbegrenzte Speicher-Tiefe. Aufwand: Linux-Setup, HAN-Modul-Konfiguration, 2–4 Stunden Einrichtung für technisch versierte Nutzer.
HAN-Schnittstelle und TR-03109-Standard
Jedes iMSys in Deutschland muss eine HAN-Schnittstelle (Home Area Network) haben, geregelt durch die BSI-Technische-Richtlinie TR-03109. Diese Schnittstelle liefert die Lastgang-Daten in Echtzeit an das Heim-Netzwerk.

Die HAN-Schnittstelle wird lokal abgefragt. Der Abruf läuft im Heim-Netz ab, ohne Cloud-Umweg und ohne Anbieter-Vermittlung. Datenschutz-Anforderungen: das HAN-Gerät spricht nur mit Geräten im selben Netz, eine Cloud-Anbindung läuft nur auf ausdrücklichen Wunsch.
Welche Daten kommen über HAN? Aktueller Lastwert, kumulierte Wirkarbeit, ggf. Phasen-Spannungs- und Stromwerte. Manche HAN-Module liefern auch Reaktiv-Energie und Frequenz, relevant für tiefere technische Auswertungen.
Aktivierung der HAN-Schnittstelle: einmaliger Antrag beim Messstellenbetreiber. In der Regel kostenfrei, Bearbeitungszeit 1–4 Wochen. Manche Messstellenbetreiber liefern das HAN-Modul direkt mit.
Lastprofil-Muster typischer Haushalte
| Haushalts-Größe | Grundlast | Tages-Spitzen | Jahresverbrauch |
|---|---|---|---|
1-Person (Mietwohnung, ohne Wärmepumpe) | 50–80 W | 1.500–2.500 W | 1.200–1.800 kWh |
2-Personen (Eigentum oder Miete) | 100–150 W | 2.500–4.000 W | 2.000–3.000 kWh |
4-Personen (Eigentum, ohne Wärmepumpe) | 150–200 W | 4.000–6.000 W | 3.500–5.000 kWh |
4-Personen (Eigentum, Wärmepumpe) | 200–300 W | 5.000–7.500 W | 6.000–9.000 kWh |
4-Personen + Wallbox + Wärmepumpe | 250–400 W | 8.000–11.000 W | 9.000–14.000 kWh |
Werte als Größenordnung. Eigene Auswertung kann von diesen Mustern abweichen. Homeoffice tagsüber verändert das Lastbild deutlich, gewerbliche Mitnutzung (Hausarzt-Praxis, Werkstatt im Erdgeschoss) ebenfalls.
Was Sie aus dem Profil ableiten können
Drei zentrale Erkenntnisse aus einem 2-Wochen-Lastprofil:
Eigenverbrauchsfenster für PV: Wie viele Stunden tagsüber liegt der Verbrauch in einem Bereich, der einem typischen PV-Erzeugungs-Niveau entspricht? Daraus folgt die Speicher-Schwelle. Details in Speicher-Größe nach Jahresverbrauch.
Flexibler Lastanteil für dynamischen Tarif: Welche Lasten sind zeitlich verschiebbar, etwa Wärmepumpe, Wallbox, Geschirrspüler, Wäschetrockner? Daraus folgt die Lohnenswertigkeits-Schwelle für dynamische Tarife. Details in Dynamischer Stromtarif.
Standby-Optimierungs-Potential: Welche Geräte tragen zur Grundlast bei? Ein 200-W-Standby summiert sich auf rund 1.750 kWh/Jahr. Bei 30 ct/kWh sind das 525 € Jahres-Kosten. Optimierungs-Hebel: ältere Set-Top-Boxen tauschen, Steckerleiste-Abschalter, Standby-Sensoren prüfen.
Wenn die Lastprofil-Auswertung den dynamischen Tarif zur Entscheidung bringt, vertieft die Schwellen-Tabelle in Dynamischer Stromtarif die nächsten Schritte.

Open-Source-Stack: Home Assistant + EVCC
Der Open-Source-Stack ist die unterschätzte Option für technisch versierte Haushalte. Zwei Hauptkomponenten: Home Assistant ist eine Open-Source-Heimautomatisierungs-Plattform. Sie verbindet Smart-Meter-HAN-Modul, PV-Wechselrichter, Wallbox, Wärmepumpe und andere Geräte in einer lokalen Datenbank und liefert Dashboards. Läuft auf einem Raspberry Pi 4/5 oder einem Mini-PC. Hardware-Kosten ab 100 €. EVCC (Electric Vehicle Charge Controller) ist eine spezialisierte Software für Lastmanagement und Tarif-Integration. Verbindet sich mit Wallbox, Speicher und dynamischen Tarif-Anbietern. Häufig im Verbund mit Home Assistant betrieben. Vorteile des Open-Source-Stacks:
- Vollständige Datenhoheit, keine Cloud-Abhängigkeit
- Daten-Historie unbegrenzt, lokale Speicherung
- Eigene Dashboards und Auswertungen
- Integration mit anderen Smart-Home-Komponenten
- Keine laufenden Cloud-Kosten
Nachteile:
- Initial-Setup 2–4 Stunden für technisch versierte Nutzer
- Linux-Grundlagen sinnvoll
- Bei Hardware-Defekt selbstständige Wiederherstellung
Wer den Aufwand investiert, gewinnt Datenhoheit, die mit kommerziellen Lösungen 2026 in dieser Tiefe nicht erreichbar ist.
Empfehlung mit Schwelle
| Bedingung | Empfehlung |
|---|---|
iMSys aktiv, konkrete Speicher-Frage offen | Lastprofil auswerten, Eigenverbrauchsfenster zählen |
iMSys aktiv, dynamischer Tarif geplant | Lastprofil auswerten, flexiblen Lastanteil schätzen |
iMSys aktiv, Wärmepumpe oder Wallbox geplant | Lastprofil + § 14a-Anmeldung kombinieren |
iMSys aktiv, ohne konkreten Entscheidungs-Kontext | optional, informierter ohne klare Konsequenz |
iMSys noch nicht aktiv (moderne Messeinrichtung oder kein Smart Meter) | Lastprofil-Auswertung nicht möglich; Smart-Meter-Beschleunigung (Brücke #24) |
Datenschutz-Bedenken bei Cloud-Anbieter | Open-Source-Stack mit lokaler HAN-Schnittstelle |
Einfache Übersicht reicht | Anbieter-Portal (Tagesauflösung) |
Tiefe Auswertung gewünscht | Home Assistant + EVCC + HAN-Modul |
Empfohlen Lastprofil-Auswertung bei konkretem Entscheidungs-Kontext (Speicher-Größe, Tarif-Wechsel, Wärmepumpen-Steuerung).
Empfohlen Open-Source-Stack bei Datenhoheits-Priorität.
Nicht empfohlen Lastprofil-Auswertung „auf Vorrat" ohne klare Frage. Daten ohne Konzept bleiben ungenutzt.
DACH-Brücke
In Österreich sind 96,9 Prozent der Endverbraucher mit iMSys ausgestattet, aber nur 12,6 Prozent haben die Viertelstunden-Aktivierung beim Netzbetreiber beantragt. Wer in Österreich auswertet, beantragt zuerst die Aktivierung. Details in Smart Meter in DACH 2026. In der Schweiz ist der Rollout kantonal heterogen; HAN-Standards folgen ähnlichen Prinzipien wie in Deutschland. Details in Photovoltaik in der Schweiz. Wer aus dem Lastprofil die nächste Entscheidung ableitet, findet hier die passenden Schwellen:
Häufige Fragen
Brauche ich technische Vorkenntnisse für die Lastprofil-Auswertung?
Für das Anbieter-Portal: keine. Für das HAN-Modul: Plug-and-Play. Für den Open-Source-Stack: Linux-Grundlagen sinnvoll.
Was kostet das HAN-Modul?
Tibber Pulse: rund 100 €. Hager und Drittanbieter: 50–150 €. Manchmal von Messstellenbetreibern direkt mitgeliefert.
Ist die HAN-Schnittstelle sicher?
Ja, lokale Kommunikation im Heim-Netz. Cloud-Anbindung läuft nur über Geräte, die der Nutzer explizit konfiguriert. BSI-Zertifizierung (TR-03109) garantiert grundlegende Sicherheitsstandards.
Wie lange sollte ich auswerten?
Mindestens 2 Wochen für ein repräsentatives Tagesgang-Bild. Für Saison-Trends 12 Monate. Open-Source-Stacks speichern langfristig.
Kann ich Daten aus dem Anbieter-Portal exportieren?
Bei den meisten Anbietern ja, als CSV. Spreadsheet-Auswertung mit Excel oder LibreOffice ist eine pragmatische Variante zwischen Anbieter-Portal und Open-Source-Stack.
Was ist EVCC?
Electric Vehicle Charge Controller, eine spezialisierte Open-Source-Software für Lastmanagement, Wallbox-Steuerung und dynamische Tarif-Integration. Open-Source-Projekt mit aktiver Community.
Quellen und Stand
Nächste Prüfung dieses Beitrags: 28.11.2026.
